Integration der muslimischen Gemeinschaft in Österreich – Interview mit Tarafa Baghajati

Tarafa Baghajati ist Vorsitzender der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen.(IMÖ) Die IMÖ unterstützt interreligiösen Dialog und fördert muslimische Partizipation im öffentlichen Leben. Sie versucht Brücken innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zu schlagen und den Kritischen Diskurs innerhalb der Muslimischen Gemeinschaft zu fördern.
Zudem hatte Aspire.MoC die Möglichkeit Herrn Baghajati auf dem Congress 2013 begrüßen zu dürfen.

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Tarafa Baghajati

Warum beschäftigen Sie sich mit Integrationsfragen in Österreich?

Einer von fünf Bereichen den wir betreiben haben war eine innermuslimische Integrations- und Antirassismus-Arbeit. Bis wir begonnen haben, war es ziemlich selten der Fall, dass in einer türkischen Moschee Deutsch gesprochen wurde oder dass ein Türke in einer arabischen Moschee spricht. Wir haben diese Tabus gebrochen.

Wie ist die muslimische Gemeinschaft in Österreich organisiert? Welche Gruppierungen sind in Österreich tätig?

Die meisten sind nicht organisiert, aber über die Religion miteinander verbunden. Auch die Herkunft spielt eine Rolle. Österreich hat allerdings eine weltweit einzigartige Organisation geschaffen –die IGGIÖ (Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) Durch die staatliche Anerkennung des Islam im Jahr 1912 wurde dies später möglich gemacht. Die IGGIÖ versucht alle Muslime in einer offenen gemäßigten und solidarischen Haltung zu vertreten.

Welchen Einfluss haben die Muslimbrüder in der Österreichischen Gesellschaft? Welchen Einfluss haben radikale Strömungen wie Hizb ut-Tahrir und salafistische Gruppen in Österreich?

In den Vereinsregistern des Österreichischen Vereinsrechtes gibt es keine Organisation die sich Muslimbruderschaft nennt. Es gibt allerdings ihnen nahestehende Gruppen bzw. Vereine. Hizb ut-Tahrir ist in Österreich nicht als Verein registriert. Die dritte Gruppe sind die Salafisten: Ich unterscheide zwischen salafitisch (Leute die nicht an Politik interessiert sind, die Mehrheit in Österreich) und salafistisch (Politisch interessiert). Die Salafiten haben lange Bärte, kürzere Hosen, teilweise Schleier im Gesicht und nichts mit der Politik zu tun. Es gibt andere Gruppierungen, von denen wir hören, dass sie die IGGIÖ als Vertreter nicht akzeptieren.

Im Artikel von Stefan Binder der am 14.10.2013 im online-Standard erschienen ist, wird über eine Spendensammlung für Syrien im 10. Bezirk Wiens berichtet, die jedoch auch mit einem Anwerben junger Muslime für salafistische Gruppen, wie „Die wahre Religion“ verbunden ist. Welche Anwerbungs-Strategie bzw. da´wa verfolgen Gruppierungen solcher Art in Österreich? Wie schaffen sie es junge Muslime für ihre Gemeinschaft zu gewinnen?

Hier reisen die meisten Akteure aus Deutschland an. Ich kann von meiner Erfahrung her berichten, dass sie in Österreich einen sehr marginalen bis bedeutungslosen Einfluss haben. Wir haben damals gesagt, dass Syrienunterstützung für uns sehr wichtig bzw. sogar Pflicht für alle Menschen und insbesondere für Muslime oder Araber ist. In Österreich existieren viele Organisationen die ein Spendensiegel für steuerliche Erleichterungen haben, das heißt wir brauchen niemanden sonst, der in Österreich für Syrien Geld sammelt.

Also haben Sie keine Erfahrungen über Anwerbungsstrategien von solchen Gruppen?

Das läuft über Facebook und Homepages aber leider Gottes haben diese Leute nicht einmal den Vermietern im 10. Bezirk erzählt, dass sie einen problematischen Hintergrund haben. Es gibt einen Verein im 10. Bezirk der einen Saal für Hochzeiten, Vorträge oder auch humanitäre Sachen vermietet. Sie haben den Saal vermietet für eine humanitäre Aktion. Wenn jemand sagt er will den Saal für eine humanitäre Aktion haben und er zahlt die Miete – bitte dann soll er das machen. Als sie dann gehört haben, dass Salafisten aus Deutschland kommen, wurden sie sofort ausgeladen. Das ist unfair dem Vermieter gegenüber. Leider machen sie das nicht und bringen somit Unruhe in die mediale Landschaft, obwohl sie wirklich marginal sind und kaum einen Einfluss haben.

Haben in Österreich auch Koran-Verteilungen wie in Deutschland stattgefunden?

Ja, im 10. Bezirk. Quintessenz der Sache ist, dass das Erklären vom Islam technisch und menschlich nicht über solche oberflächlichen Aktionen möglich ist. Der Koran an sich ist der göttliche Text für uns, aber ohne Erklärung und Exegese und Verständnis und Erklären der historischen Zusammenhänge ist es eine Überforderung für jemanden, der sich noch nie mit dem Thema beschäftigt hat.

Sind Gruppen, wie die salafistische „An-Nour-Partei“ in Österreich tätig?

Kaum. Einmal ist ein Parlamentarier hierher auf eine Einladung eines ägyptischen Kulturvereins gekommen und hat bei einer Veranstaltung mitreferiert, aber auch zusammen mit anderen Parlamentariern. Also gibt es keine großen Aktionen von der „An-Nour-Partei“ oder vergleichbaren Parteien.

Welche Rolle spielen Identitätsfragen in einem Radikalisierungsprozess?

Identitätsfragen sind vor allem unter den Jugendlichen sehr wichtig. Hier werben wir für das Konzept der multiplen Identität, das heißt die Leute sollen erkennen, dass es kein Widerspruch ist Muslim und Europäer zu sein, Muslim und Österreicher. Zugleich kann man aber andere Wurzeln und einen anderen kulturellen und religiösen Background zu haben.

Wir haben Beispiele (Italien/Frankreich/Türkei), die beweisen, dass die Tendenz von europäischen Muslimen nach Syrien zu gehen um zu kämpfen relativ verbreitet ist. Welche Strategien können eingesetzt werden um dieser Radikalisierung von Muslimen in Europa entgegenzusteuern?

Ich würde zuerst die europäische Politik nennen. Das wichtigste Mittel nicht nach Syrien zu gehen, ist die Lösung des Syrien-Konflikts.

Wie meinen Sie, kann man der Radikalisierung von Muslimen, nicht in Bezug auf Syrien, sondern im europäischen Rahmen allgemein entgegensteuern?

Man muss den Islam als die barmherzige und offene Religion, die die Gewaltlosigkeit fördert, befürworten. Den jungen Leuten, soll dies mit einer Glaubwürdigkeit, dass wir dies nicht aus irgendeinem Antrieb machen um jemanden zu gefallen, sondern auf tiefislamischer Überzeugung betreiben, erklärt werden. Es ist wichtig die Denker, die Werke mit einer solchen Philosophie geschrieben haben, zu rezipieren. Zum Beispiel den syrischen Denker Jawdat Said, manche nennen ihn den Gandhi der Araber. Ein andere wäre Abu Kalam Azad aus Pakistan, der gemeinsam mit Mahatma Gandhi gegen den Kolonialismus gekämpft hat und auch ein Vertreter der Gewaltlosigkeit war. Abdul Ghaffar Khan, auch ein Pakistani, der damals in diese Richtung mitgewirkt hat oder Malik Bennabi. Rashid Ridda, ein bekannter algerischer Philosoph oder auch ein ägyptischer Intellektueller und Reformist, Mohammad Abduh.
Von all diesen Leuten sollen Gedanken, Geist und Schriften verbreitet werden, sodass wir mit bester Gelassenheit und Offenheit diese Gewaltlosigkeit und Glaubwürdigkeit auch verbreiten und nicht unter einer verkrampften Situation, die jemanden in der Politik nicht gefällt, stehen. Außerdem ist es eminent dass die Muslime nicht erzählen, was die Politik oder Medien hören wollen, sondern ihre eigene Meinung vertreten.
Sobald die muslimische Führung unglaubwürdig erscheint, ist alles verloren. Daher ist es wichtig, diesen islamisch-theologischen verankerten Antrieb zuzulassen und offen für die Jugendlichen zu sein. Dadurch werden andere Leute die den Islam nur von einem ganz kleinen extremistischen Standpunkt sehen wollen, bedeutungslos.

Das Interview wurde von Matthias Sulz und Vittorio Bianchi durchgeführt und original auf shabka.org veröffentlicht

 

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